analog leben

Analog leben

28. März 2019

Am 29. März bin ich Teil einer Diskussionsrunde im Deutschlandfunk zum Thema „Stirbt der Homo Analogicus aus?„. Zur inhaltlichen Vorbereitung dieser Text.

Inwiefern lebe ich analog?

Ich lebe nicht analog, nutze das Netz aber nur 1.0, sprich: Ich schreibe Emails statt Briefen, ich habe einen Online-Shop für meine Seegraskissen statt einem Ladengeschäft und wenn ich morgens Zeitung lesen möchte, klappe ich den Computer auf, statt zum Kiosk zu gehen. Meine Bankgeschäfte erledige ich jedoch im Dorf, und wer bei mir ein Kissen kaufen möchte, muss das Geld klassisch per Bank überweisen. Ich chatte nicht und bin auch sonstewo nur angemeldet, wo ich muss. Sensible Daten – abgesehen von privaten Emails – schicke ich nur an Elster, dem Programm vom Finanzamt.

Ich habe kein Smartphone, sondern ein Handy. Daraufhin spielt sich alles Digitale in meinem Leben nur vorm Computer ab. Wenn der aus ist, bin ich nur per Telefon und Sms erreichbar. Ich bin nicht Teil eines „sozialen Netzwerkes“.

Verglichen mit einem „digitalen“ Menschen, also jemandem, der alles hat und mitmacht, was geht, lebe ich also vielleicht 15% digital und 85% analog. Dieses Verhältnis wird sich in Zukunft wohl verstärken, weil ich nicht vorhabe, mein Haus digital zu steuern oder mir ein autonomes Auto zuzulegen.

Gleichzeitig ist das auch die Antwort auf die Frage, ob der analoge Mensch aussterben wird. Denn sie stellt sich so nur als Diskussionsüberschrift. Im echten – digitalen wie analogen – Leben, sind wir alle eine Mischung. Und da die negativen Folgen des Internets immer stärker sichtbar werden, glaube ich, dass sich die Menschen zunehmend fragen, welche Bereiche ihres Lebens sie tatsächlich digitalisiert haben wollen. Ich fände es wünschenswert, wenn sich der meiner Ansicht nach überzogene Hype bald beruhigen könnte.

Warum lebe ich nicht digitaler?

1. Ich finde Bildschirme eher doof, weil sie mich einschränken: Man kann sich nicht bewegen, muss immer die gleichen Finger-Bewegungen machen und dabei aufpassen, die richtigen Felder anzuklicken. Höchste Konzentration, die ich nicht gern lange halte.

2. Das Unmittelbare macht mir mehr Spaß als das Vermittelte. Ob direktes Gesrpräch oder Chatt, Wege selber finden oder der Navistimme folgen, sich anlächeln oder Smileys verschicken – in mir ist ein grundlegender Widerwille, die Dinge des Lebens technisch zu vermitteln.

3. Das Internet ist unsicher. Alles, was du da hinterlässt, kann gegen dich verwendet werden. Deswegen nichts, was nicht auch in der Zeitung stehen könnte: keine Geldgeschichten und nichts Privates (außer Emails).

4. Ein Grund ist recht banal: Seit es das Internet gibt, bin ich rund 15 Mal umgezogen und hatte oft gar kein Netz, schwaches oder zeitlich begrenztes. Dadurch bin ich einfach viel weniger digital sozialisiert worden, als wenn ich in der Zeit eine beständige Verbindung gehabt hätte.

Was sind die Nachteile?

Da ich nicht abgeschirmt irgendwo im Wald lebe, sondern einen täglichen Zugang zum Internet habe, besteht kein Informationsdefizit, wie manchmal vermutet wird. Alles Wichtige aus der Welt kriege ich mit. Nachdenklich macht mich dagegen, dass mir mangels Whatsapp Nachrichten im unmittelbaren Umfeld flöten gehen. Es kann sein, dass ich das ändern werde. Ansonsten gibt es viele vermeintliche Nachteile, die für mich keine sind: Für Überweisungen muss ich aus dem Haus, für Fahrkarten an den Schalter. Alle Geschäfte dauern etwas länger und sicherlich habe ich hier und da schon mehr ausgegeben, als ich gemusst hätte. Damit kann ich leben.

Was sind die Vorteile?

Weniger Internet im Kopf. Wenn mein Computer zugeklappt ist, kann ich mich voll auf andere Sachen konzentrieren. Weil ich schlecht zwei oder drei Sachen gleichzeitig machen kann, es mich unter Stress bringt, fahrig macht und Fehler produziert, ist das ein echter Gewinn an Lebensqualität.

Weniger Angst vor Kontenhack und Datenklau. Nachrichten über Datenlecks und die  Veröffentlichung von millionen Nutzerprofilen lese ich nicht, weil die Chance recht gering ist, dass ich betroffen bin (hoffentlich).

Produktive Langeweile: Langeweile hat die Funktion, sich zu regenerieren und neue Impulse zu bekommen. Das geht aber nur, wenn man wirklich in den Modus „Langeweile“ umschalten kann. Sobald das Phone piept, weil ich eine Sms bekommen kabe, ist vorbei. Wenn ich mich gar nicht mehr langweilen kann, weil alle Infos von Sms über Chattantworten bis zu Fußballergebnissen per „Piep“ angekündigt werden, wenn ich daraufhin beständig in diesem Standby-Modus bin, fällt echte Langeweile aus. Die Folge ist, dass ich am Ende auf Nichts wirklich Lust habe. Und das ist dann nicht mehr Langeweile sondern innere Öde, ein schwer zu ertragender Zustand.

Kinder: Für Kinder ist es ein wesentlicher Unterschied, ob ich mich ihnen als Vater wirklich zuwende oder z.B. aufm Spielplatz, Nase überm Handy nur als Aufpasser dabei bin. Wenn ich sie wahrnehme, fühlen sie sich geborgen, wenn ich aufs Display starre, allein. Wenn das zum Dauerzustand wird, muss ich mich nicht wundern, wenn sie „nerven“ und auch nicht, wenn sie sich nichts sehnlicher wünschen als ein eigenes Smartphone.

Alles zusammen: Das unmittelbare Leben ist mir wichtiger als das vermittelte. Ich nutze das Netz, wo es mir echte Vorteile bringt und meide es, wo es mich nervt.

Mehr Infos:
– Spiegel-Special „Digitales Leben“, 4/2016, darin der Artikel: „Whatsapp nimmt uns Liebe“ über die schönen Vorteile analogen Lebens.
– Deutschlandfunk, 29. März 2019, 10 Uhr, „Stirbt der Homo Analogicus aus?“, Diskussionsrunde