Moin

Moin. Hier entstehen seit April 2019 gelegentlich neue Texte, die jeweils abgelöst und einsortiert werden. So füllt sich die Seite mit der Zeit. Viele Grüße, Kristian Dittmann

 

Macht oder Liebe

In diesen Wochen (August 2021) haben die Taliban in Afghanistan nach einem überhasteten Abmarsch der seit 20 Jahren im Land stationierten, internationalen Truppen wieder die Kontrolle übernommen. Die Bilder vom Flughafen in Kabul, auf dessen Rollfeld hunderte Menschen zwischen Militärmaschinen darauf hoffen, in Sicherheit geflogen zu werden, lassen erahnen, dass im ganzen Land unzählige mehr um ihr Wohlergehen und sogar um ihr Leben fürchten. Ein Kurzfilm zeigt, wie von einer gerade gestarteten Maschine aus schon viel zu großer Höhe ein Mensch fällt.

Wieder dieses Leid, wieder diese Bilder:
Seit 2015 die Schlauchboote auf dem Mittelmeer,
in den Neunzigerjahren die Flüchtlingstrecks vom Balkan Richtung Europa
oder 1945 die Gustloff, ein von einem Torpedo versenktes Flüchtlingsschiff, das mit 10.000 Schreien unterging.

Krieg, Hass, Vergeltung,
Flucht und Vertreibung,
Durst, Hunger, Regen und Kälte,
Angst und Schmerzen,
Tod.

Was für ein Wahnsinn. Warum? Die Erklärungen füllen ganze Bibliotheken.

Seit mehreren Jahrzehnten kommt Afghanistan nicht zur Ruhe. Werden die Menschen hin- und hergeworfen zwischen Machtansprüchen verschiedener Akteure, egal ob von innen oder von außen, ob legitim oder nicht, ob religiös oder säkulär.

Seit zwei Generationen wird Millionen verwehrt, was sich jeder Mensch abends wünscht: Frieden. Zwar geloben die Taliban Milde, doch ist aufgrund früherer Gräueltaten der Argwohn groß, dass es sich nur um Lippenbekenntnisse handelt. Die Befürchtung, dass Afghanistan auch in den kommenden Jahren nicht zur Ruhe kommen wird, ist real.

Ich möchte dem zwei Szenarien gegenüberstellen, die zwar unrealistisch aber möglich sind.

Stellen Sie sich folgendes vor:

Unter den Taliban kristallisiert sich ein Anführer heraus, der aufgrund seines Alters, seiner Erfahrung und seiner Verlässlichkeit allseits respektiert wird. Seine Ausstrahlung rührt von dem Charisma, das Persönlichkeiten haben, die nicht nur Teile sondern das Ganze in den Blick nehmen.

Nach all dem Unfrieden der letzten Jahrzehnte sind auch die Kämpfer der Taliban ausgezehrt und sehnen sich nach Ruhe.

Mit seiner Überzeugungskraft schafft es der Anführer im Moment des Machtwechsels, grundsätzliche Anordnungen umzusetzen:

Amnestie für alle Afghanen,
Garantie der Unversehrtheit,
Zwangsabgabe aller Waffen.

In den kommenden Monaten kommt die Zuversicht zurück, kommen die Geflohenen zurück.

Ein Rat, bestehend aus Vertretern aller Gruppen, erarbeitet eine Verfassung, in der alle zu ihrem Recht kommen, alle aber auch Abstriche machen müssen. So wird der Islam zwar als Staatsreligion festgelegt, ebenso aber Glaubensfreiheit und die Gleichberechtigung aller Minderheiten. Für alle Kinder wird die Schulpflicht eingeführt.

Zwar gibt es Murren und Kritik, doch überwiegt die breite Zustimmung, weil alle froh sind, dass es wieder vorangeht.

Offenen Beifall bekommt er für seine Antrittsrede als Präsident, in der er das Ende der Abhängigkeit von internationalen Geldgebern erklärt. Zwar werde der Aufbau allein mit eigenen Mitteln länger dauern, doch werde sich Afghanistan dadurch von ausländischer Einmischung befreien und endlich wieder eigenständig werden können.

Mit den umliegenden Ländern handelt der Präsident Abkommen aus, die der ganzen Region zugutekommen, weil sie Frieden garantieren und Austausch ermöglichen.

Außerdem schickt er Delegationen in die Welt, um nach Lösungen zu forschen, mit denen andere Länder ihre Probleme bewältigt haben.

Und so weiter.

Ist es nicht erstaunlich, wie sich das Bild plötzlich ändert? Was für Möglichkeiten sich eröffnen? Was für ein schönes Land vor dem inneren Auge entsteht?

Nein? Dieses Szenario erscheint Ihnen zu unrealistisch?

Wahrscheinlich haben Sie recht.

Dabei wäre alles, was Afghanistan bräuchte, ein großer Mensch mit Liebe im Herzen statt Machtgelüsten.

 

Zweite Möglichkeit

Ende August soll die Evakuierung von Menschen aus Afghanistan abgeschlossen sein, weil zunehmend mit Selbstmordanschlägen zu rechnen sei, sagt US-Präsident Biden. Heute ist der 26ste. Durch die Meldungen dringt, dass auch Deutschland mit den Taliban verhandelt, also Geld dafür bezahlt, noch Menschen ausfliegen zu dürfen. Die Preise werden hoch sein, weil die Verhandlungsposition der Alliierten schwach ist. Und viele werden im Land bleiben müssen.

So schlimm die Situation ist. Sie ist normal. In der Geschichte immer wieder vorgekommen und zurzeit auf allen Kontinenten. Selbstgewollte Flucht oder Zwangsvertreibung, millionen Menschen leben nicht da, wo sie es eigentlich am liebsten täten – Zuhause. Auch in Deutschland ist das nicht lange her, wobei es besonders absurd war: Noch vor 35 Jahren konnte ein Deutscher, der in Deutschland nach Deutschland wollte, erschossen werden.

Wenn so etwas also immer wieder passiert, wenn die Faktoren, die dazu führen bekannt sind, dann muss man doch handeln können. Dann muss sich die Weltgesellschaft doch was einfallen lassen, wie man es schaffen könnte, dieses  Leid zu beenden. Dauerhaft. Machbar. Für alle Beteiligten. Muss doch möglich sein, weil menschgemacht. Einen Tsunami können wir nicht ändern, unsere Kriege schon.

Gedankensprung: Deutschland hat – wie viele andere Länder auch – das Problem, dass sein Wohlstand selbst unter stabilen ökologischen und politischen Bedingungen in Zukunft nicht haltbar sein wird, weil die Bevölkerung altert. Weiterhin ist die allgemeine Infrastruktur so gut entwickelt, dass ein moderates Bevölkerungswachstum keine Kapazitätsprobleme aufwerfen würde. Afghanistan hingegen hat eine sehr junge Bevölkerung, aber einen kaputten Staat. In vielen Ländervergleichen bezüglich Infrastruktur, Schulbildung, Korruption liegt es auf den letzten Plätzen.

Warum nehmen also die alt gewordenen Länder von Japan über Europa bis zu den USA nicht die Menschen, die aus Afghanistan herauswollen, auf? Nicht weil sie es müssen, sondern weil sie sich darüber freuen?

Warum gibt es bei der UNO keine Liste, in die jedes Land eintragen kann, wieviele Menschen es jährlich aufnehmen möchte? Also keine verschwurbelte „Koalition der Willigen“, sondern geradeaus eine Liste derer, die suchen? Und die Länder, die keinen Zuzug wünschen, setzen ihre Zahlen auf null?

Was, wenn das funktionieren und für alle Flüchtlinge auf der Welt angewendet werden könnte?

Und man würde diesen Menschen bei Ankunft in ihren neuen Heimatländern direkt eine Perspektive geben, Kurse für alles, was sie neu lernen müssen, allgemeine Arbeitserlaubnis und Wohnraum. Noch am Flughafen.

Dann würde viel Konfliktpotential aus den Ländern genommen, würde vielen Menschen Leid erspart und – so schal das klingt – unsere Rente gesichert.