Moin

Moin. Hier entstehen seit April 2019 gelegentlich neue Texte, die jeweils abgelöst und einsortiert werden. So füllt sich die Seite mit der Zeit. Viele Grüße, Kristian Dittmann

 

Sing!

Mit dem Fahrrad düse ich zum Einkaufen ins Dorf. Ein Auto kommt mir entgegen und will links abbiegen. Ich denke noch „wieso bremst der nicht?“, als es mich auf die Hörner nimmt und in eine – dankenswerter Weise – genau dort stehende Hecke kickt. „Ich hab Sie nicht gesehen, ich hab Sie einfach nicht gesehen“, die ältere Dame ist untröstlich. Ich stehe auf, alles heil, nur ein paar Schrammen. Sie fährt mich zum Arzt, wo ich ein paar Pflaster bekomme, danach zur Polizei, die Rechtslage ist klar. Ein paar Wochen später überweist mir ihre Versicherung 200 Euro Schmerzensgeld.

Gedankensprung.

Seitdem ich 12 bin, spiele ich Gitarre. Leidlich, weil faul. Außerdem wusste ich nie, ob meine Stimme was taugt, und nichts ist peinlicher als ein Barde, der die Töne nicht trifft.

Natürlich könnte ich das Geld von dem Unfall aufs Konto packen, nur würde es dort, wie das so ist, über die Wochen versickern. Ich beschließe, meine musikalischen Aktivitäten endlich mal auf Vordermann zu bringen und melde mich für zehn Gesangstunden bei einer Musikschule an.

„Wir gehen nach oben“, sagt die Lehrerin mit der tiefdunklen Brille und tastet sich am Treppengeländer entlang. Sie ist blind.

Oben angekommen, findet sie ihren Weg zu einem Hocker vor dem mächtigen Flügel und erklärt:“ Es ist folgendermaßen: Normalerweise nutzen wir unsere Stimme zum Reden, das ist wie Gehen, funktioniert von allein. Singen aber ist wie Laufen. Da brauchen wir mehr Luft, mehr Spannung und deswegen ist es vonnöten, dass wir uns vorher auflockern und warm machen.“ Das finde ich einleuchtend.

In der Folge macht sie mit mir Atemübungen vom Bauch bis in den Kopf. Ich soll alle möglichen Grimassen schneiden, um die Gesichtsmuskeln zu lockern und schnell und trocken „p-t-k-p-t-k“ sagen, was Lippen und Zunge auf Spannung bringt. Den Kopf konzentriert zu Boden gesenkt, sagt sie plötzlich:“ Rülpsen Sie ruhig, hier dürfen Sie das.“ Ich bin irritiert, fühle mich ertappt, aber sie hat Recht, Luft im Bauch ist wie Luft in der Wasserleitung – viel kommt nicht raus.

„Bitte durchschreiten Sie jetzt den Raum und sagen dabei: Barbara saß nah am Abhang.“
Ok, ich mach das einfach.
Durchschreite also den Raum und sage „Barbara saß nah am Abhang.“
„Sie waren schneller als Ihre Stimme, noch mal.“
Es ist irritierend dabei nicht gesehen, nur gehört zu werden.
„Barbara saß nah am Abhang.“
„Diesmal war ihre Stimme schneller.“
„Barbara saß nah am Abhang.“
„Ja, so langsam wird das was.“

Ich überlege, wo man hier versteckte Kameras aufbauen könnte und ob aus dem Flügel gleich ein gut gelaunter Fernsehmoderator springt, sie aber sitzt dort hochkonzentriert und völlig humorlos und gibt mir das Gefühl, dass das alles wohl doch seinen Sinn hat.

Wieder Zuhause, schnappe ich mir meine Gitarre und weiß, warum. Meine Stimme ist wie neu: kraftvoll, klar und voluminös, ohne Anstrengung und ohne heiser zu werden. So hab ich mich noch nie gehört.

In den folgenden neun Stunden ist der Ablauf immer der gleiche, und am Ende meint sie:“ Ihre Stimme ist in Ordnung, Sie treffen die Töne.“

Wie schön ist das denn? Meine Jahrzehnte alte Unsicherheit ist verflogen. Hätte ich den Unfall doch etwas früher gehabt. Hätte ich bei unzähligen Lagerfeuern die Gitarre nicht weiterreichen müssen.

Trotz dieses Quantensprungs ist aus mir noch immer kein Rockstar geworden, als ich aber mal tatsächlich gar kein Geld hatte, reichte eine Stunde im Stadtpark, um Hunger und Durst zu stillen.

Im Nachhinein waren die Gesangstunden eine der besten Investitionen meines Lebens, weil sie mich mir neu erschlossen. Ein neuer Teil „ich“ – für 200 Euro.

Ich weiß zwar nicht, ob Singen tatsächlich gesund ist, aber danach fühlt man sich wie nach Joggen und Meditation zusammen. Nur ohne Schweinehund-überwindung und Cortexstress. Du atmest bis zum Beckenboden runter, Nebengedanken fallen von allein weg, weil Singen und Denken zusammen nicht geht und ruhst am Ende in dir.

Sogar im Vergleich zum Musizieren mit Instrumenten finde ich es schöner, erfüllender, weil, wenn du singst, bist du selbst das Instrument, bringst dich in Schwingungen, kommt der Ton aus deinem Resonanzkörper statt aus dem Corpus der Gitarre, Flöte, Trommel. Und das ist einfach näher dran, fühlbarer und leichter zu lernen, als wenn du dich den Vorgaben eines Instrumentes unterordnen musst. Denn bis deine Stimme klingt, brauchst du nur ein paar Stunden, für Geige dagegen Jahre.

Tatsächlich gibt es kein Musikinstrument, das so vielseitig ist wie unser Körper. Von Steppen über Körperperkussion bis hin zu Singen und Pfeifen können wir melodisch wie rhythmisch mit unserem Körper weit mehr anstellen als eine Kirchenorgel, das wohl vielseitigste nicht elektronische Instrument, das der Mensch erfunden hat. Dein Instrument braucht keinen Strom, kostet kein Geld, muss nicht zur Probe geschleppt werden und ist jederzeit einsatzbereit. Wo der Gitarrist einer Band ewig an seinen Effektgeräten rumstöpselt, der Trommler seine Felle spannt und der Pianist Hilfe braucht, sein Keyboard anzuschleppen, ziehst du Grimassen, sagst „p-t-k“ und gehst mit Barbara ein paar Mal am Abhang entlang. „Von mir aus können wir anfangen.“

Selbst, wenn Sie sich völlig unmusikalisch finden, nehmen Sie einfach mal ein paar Gesangstunden. Denn egal, ob Sie in Schule, Ausbildung oder Beruf einen Vortrag halten sollen, ob Sie Ihrer Wut mal aus vollem Bauch freien Lauf lassen wollen oder nur Langeweile überbrücken müssen – mit dem Singvolumen Ihrer Stimme geht alles leichter. Man hört Ihnen lieber zu, Sie werden nicht heiser und verwandeln manche Langeweile in präsente Zeit.