Moin

Moin. Hier entstehen seit April 2019 gelegentlich neue Texte, die jeweils abgelöst und einsortiert werden. So füllt sich die Seite mit der Zeit. Viele Grüße, Kristian Dittmann

 

Eins-zwei-drei Hühnerei

Letzte Ostern bekam ich zwei Heidschnucken, dieses Jahr drei Hühner. Warum?

Ich lebe in einer alten Scheune mit einem kleinen Hektar Land drumherum. Als ich hier vor zwei Jahren ankam, war 10 Jahre lang nichts gemacht worden. Die Türen zum Garten bekam ich kaum auf, alles war verwachsen, Brombeeren bis in die Dachrinne hinein. Zudem musste ich feststellen, dass ich, wo immer ich mit dem Spaten in die Erde stach, unter einer dünnen Krume alles Mögliche fand, nur keinen Mutterboden: Fundamente, Bauschutt, Dachziegel. Anscheinend hat sich die Hofstelle des früheren Gutsbetriebes über die Jahrhunderte mehrfach verändert. Das zu kultivieren, um Gemüse anzubauen? Keine Chance. Weil ich also sowieso Hochbeete bauen musste, konnte ich das Land auch für Tiere freigeben.

Die beiden Schnucken – robuste Schafe mit Hörnern – bekamen also den Job, die Vegetation kurzzuhalten und machen das seither sehr akribisch: Gras ist natürlich der Hauptbestandteil ihrer Nahrung, liebend gern nehmen sie aber auch Brombeersprossen, Disteln und Brennnesseln. Ich muss mich um nichts kümmern.  Zum Leidwesen meiner Kinder sind sie jedoch auch mit Engelsgeduld nicht zu streicheln und das macht das Ganze dann eher zu einer Zweck-WG.

Um die Schafe frei laufen lassen zu können, hatte ich den Zaun geflickt und somit ein Gehege – es konnten also noch mehr Tiere kommen. Hühner waren gar nicht meine erste Wahl, ich finde sie eher albern und schreckhaft. Ihre Saurierfüße sind mir, seitdem ich in Asien mal welche essen musste, zuwider und der Kot ist, nun ja, Hühnerkacke. Die Entscheidung fiel dennoch innerhalb eines Momentes, als nämlich mein Sohn bei Freund und Landwirt Uwe Hansen eines auf den Arm bekam. Erstens war dieses Huhn gesund und sauber, saß zweitens friedlich da und ließ drittens meinen Sohn dahinschmelzen. Drei Hühner – weil ich drei Kinder habe – gegen Seegraskissen getauscht, einen Stall gebaut und eine Woche später holten wir die Vögel ab.

„Drei Tage musst du sie im Stall einsperren, damit sie wissen, wo sie Zuhause sind. Stell eine Schale mit Wasser und eine mit Getreide dazu. Danach erst kannst du sie rauslassen“, meinte Uwe noch. Schade, wir mussten auf die Bescherung also erst noch warten.

Seit einer Woche laufen die Drei nun mit im Geschirr. Bei der Gartenpflege helfen sie mit ihrem unermüdlichen Scharren, Aufwühlen, Wegpicken und am Ende Draufdüngen kräftig mit und verteilen zu meiner Freude die blöden Maulwurfshügel in der Fläche. Weil sie tatsächlich handzahm sind, sich auf den Schoß setzen lassen und dort auch gern verweilen, bedienen sie den ewigen Kinderwunsch, Tiere zu streicheln ebenso gut wie Kaninchen oder Katze.

Und dann natürlich die Eier. So ein Dottergelb habe ich lange nicht mehr gesehen und der Geschmack ist einfach vollmundiger, ein Genuss. Klar, Essen aus dem eigenen Garten schmeckt immer besser als gekauftes, aber ich glaube, hier nicht der bloßen Romantik zu erliegen.

Es ist aber noch etwas: Hühnern zugucken macht friedlich. Zwar bleiben ihre Bewegungen für mich albern, vor allem, wenn ich Körner ausstreue, sie gelaufen kommen und alles durchwühlen wie Schnäppchenjäger am Wühltisch – wobei ja die Frage ist, wer sich dabei eigentlich albern verhält. Doch strahlen sie bei ihren Fressspaziergängen vor allem eine ruhige, ernsthafte Geschäftigkeit aus. Hier gescharrt, dort gepickt, zwischendurch ein Mittagsschlaf unterm Tannenbaum, danach gewissenhafte Federpflege im Sandbad und irgendwo ein Ei gelegt. Bei uns ist täglich Ostern.

Was mich an diesem Geschehen, dass mich seit einer Woche davon abhält, meinen Kram zu erledigen, fasziniert, ist, wie effektiv und gleichzeitig gelassen diese Tiere ihr Leben bestreiten. Sie arbeiten den ganzen Tag, gönnen sich ihren Mittagsschlaf und machen vor allem immer nur eine Sache zur Zeit. Picken, pennen, putzen, alles nacheinander… kann man viel von lernen.

Natürlich gab es auch schon die ersten Katastrophen. Z.B. als ich feststellen musste, dass sich ein ausgewachsenes Huhn durch Drahtmaschen von der Größe einer Tafel Schokolade drücken kann, was bedeutet, dass ich noch eine Menge Arbeit in den Zaun stecken muss. Oder als ich ein empörtes Gegacker hörte und sah, dass die Schnucken mal ausprobieren wollten, ob man mit Hühnern spielen kann (wahrscheinlich Revierverteidigung gegen die Neuen). Von zwei Seiten gingen sie vor, ich stürmte in den Garten, schimpfte mit den Schafen und suchte die Hühner. Eines stand völlig aufgelöst mitten auf der Koppel, eines hatte sich wie das siebte Geißlein im Uhrkasten in einer Mauernische versteckt und eines war weg. Zu zweit – ich hatte gerade Besuch – durchforsteten wir das Gelände. Mehrfach. Es wurde dunkel. Mit Taschenlampen. Nichts. Zum Sonnenaufgang stand ich auf, suchte weiter, keine Spur. Was für ein Mist. Mein Fehler. Und wie soll ichs den Kindern erzählen? Erst gegen Mittag fand ich es beim Nachbarn unversehrt unter den Tannen. Glück gehabt.

Seitdem habe ich ein Auge drauf und baue eine Volière, um die Hühner von den Schafen trennen zu können. Da Frühling ist, seit Wochen die Sonne scheint und ich wegen des Lockdowns eh meist im Garten bin, kann ich zur Not eingreifen und beobachte gerührt, wie die Hühner dichter an mich heranrücken, sobald die Schnucken auftauchen. Ich müsste mal Konrad Lorenz lesen, den Verhaltensforscher, der Gänseküken auf sich prägte und mit ihnen – er vorweg – durch einen See schwamm. Das ist wohl die bekannteste Anekdote von dem Mann, der unser Wissen über Tiere als soziale, lernfähige Wesen revolutionierte.

Und eines wird mir auch klar: Mein Bild von Hühnern war bisher geprägt von Max und Moritz einerseits und Legebatterien andererseits. In Wilhelm Buschs Geschichte werden die Hühner von Witwe Bolte zwar geliebt, gleichwohl als dusselig, flatterig und schließlich pfannenfertig beschrieben. Wie sie lieblich in der Pfanne schmurgeln, sehen sie nicht anders aus, als Berties Knusperhähnchen, der mittwochs mit seinem Verkaufswagen immer vor Rewe auf dem Parkplatz steht.

Fotos aus Legebatterien zeigen kranke, zerrupfte Geschöpfe zu tausenden auf engstem Raum. Widerliche Tiere, die im eigenen Kot vegetieren. Man möchte sich nicht vorstellen, wie es in solch einem Massenstall riecht. Erst beim Anblick meiner Drei – die gerade neben mir liegen und sich ihre Gefieder putzen – wird mir wirklich klar, dass die Hühner in den Batterien eben keine wirklichen Tiere sind, sondern Tiere unter der Maßgabe der Verwertbarkeit. Legebatterien sind, auch wenn einem bei dem Vergleich der Atem stockt, nichts anderes als Konzentrationslager. Damals waren es Menschen, die unter einer völkischen Ideologie zu Kreaturen reduziert wurden, heute sind es Tiere unter der wirtschaftlichen Ideologie „Gewinnmaximierung“.

Das Wissen, mich ab jetzt von diesen Tier-KZs zu verabschieden und Eier von sichtbar zufriedenen Hühnern essen zu können, tut gut, weil sie besser schmecken, wahrscheinlich gesünder sind, ich kein schlechtes Gewissen mehr haben muss und ab sofort meine Essensreste zu Eiern werden. Sogar die eigenen Schalen fressen sie und das ist jetzt mal eins-zu-eins Recycling.

Die Schnucken werden übrigens auch zutraulicher, kommen näher als zuvor. Ich glaube, es ist ihnen peinlich, dass sie so schreckhaft sind, während sie sehen, dass die kleinen Federviecher auf meinem Schoß chillen.